Arbeitsschutz, Krisenmanagement

Sicherheitsfachkräfte im Rampenlicht 

Interview mit Dr. Stefanie Schöler

6 Minuten25.03.2022

Mit Beginn der COVID-19-Pandemie stehen Sicherheitsfachkräfte im Rampenlicht. Sie tragen maßgeblich dazu bei, effektive Konzepte zur Eindämmung der Pandemie zu erstellen, gleichzeitig müssen sie den bisherigen und neu dazugekommenen Anforderungen gerecht werden. Wie sie sich gegenseitig unterstützen können und wie aktive Prävention auch online gelingen kann, verrät Dr. Stefanie Schöler im Interview.

Dr. Schöler ist seit 15 Jahren als Psychologin, Beraterin, Dozentin und Trainerin tätig, mit Schwerpunkten im Arbeits- und Gesundheitsschutz, Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen und guter Zusammenarbeit. Als Mitgründerin des Digitalen Sifa-Stammtischs vernetzt sie Fach- und Führungskräfte im Bereich Arbeitssicherheit aus dem deutschsprachigen Raum und bringt die Experten an einen Tisch - ob vor Ort oder virtuell.

Digitale Vernetzung gewinnt zunehmend an Bedeutung

Dr. Schöler, erzählen Sie uns etwas über den digitalen Stammtisch für Sicherheitsfachkräfte. Warum ist es so wichtig sich zu vernetzen?

Der Stammtisch wurde mitten in der Pandemie gegründet. Durch die schnellen Veränderungen haben sich auch die Arbeitsschutzregeln ständig geändert. Dabei haben wir gemerkt, dass es bei Sicherheitsfachkräften einen unheimlich hohen Bedarf gibt, sich auszutauschen. Häufig sind sie Einzelkämpfer und viele von ihnen betreuen gleich mehrere Unternehmen - da ist Input von anderen wichtig.

Der Stammtisch ist ein lockeres Netzwerk von bunt gemischten Leuten, von der erfahrenen Sicherheitsingenieurin aus dem Großkonzern bis zur selbstständigen Sicherheitsfachkraft in der Betreuung kleiner Betriebe. Wichtig ist uns, dass die Teilnehmenden beruflich mit dem Thema Arbeitsschutz zu tun haben und wir ihnen Möglichkeiten für einen fundierten Austausch bieten können. In der Regel gibt es hundert Plätze und die Veranstaltung dauert ca. 1,5 Stunden. Die Anmeldung erfolgt ganz einfach über E-Mail Sifa-Stammtisch@Transfer-Organisationsberatung.de, oder über unsere Events bei Xing und LinkedIn. Für uns steht hier der fachliche Austausch im Vordergrund, deshalb gibt es keine Werbepartner. Wir glauben einfach, dass die Zukunft denjenigen gehören wird, die sich einerseits schnell anpassen können, aber eben auch denen, die sich über Unternehmens- und Fachgrenzen hinweg vernetzen. Dazu möchten wir mit dem Format „Digitaler Sifa-Stammtisch“ beitragen.

Mit Tools und mehr Begeisterung den Arbeitsschutz optimieren

Was sind in diesen Runden die wichtigsten Themen, die besprochen werden, abgesehen von Konzepten zur Pandemiebewältigung?

Die Themen sind sehr unterschiedlich, angefangen natürlich bei Klassikern wie Gefährdungsbeurteilungen und Gefahrstoffe. Sie gehen aber auch viel in Richtung generelle Arbeitskultur und Behavior Based Safety. Weichere Themen und Fragen wie ‚Wie kann ich andere ansprechen und überzeugen?‘ oder ‚Wie kriege ich Führungskräfte mit ins Boot?‘ werden dabei ebenfalls angesprochen und diskutiert.

Eine wichtige Quintessenz im Safety Management Trend Report 2021 war, dass Arbeitssicherheitsfachkräfte durch die Pandemie stärker im Rampenlicht standen. Mit einem Mal haben sie viel Anerkennung und Wertschätzung erfahren, waren gleichzeitig aber auch sehr gefordert. Wird sich diese Entwicklung Ihrer Meinung nach fortsetzen?

Viele Fachkräfte wurden im letzten Jahr enorm herausgefordert und sind froh, wenn sie langsam wieder ihrem normalen Alltagsgeschäft nachgehen können. Der direkte Kontakt mit den Führungskräften und der Geschäftsleitung, oder vielleicht einer sogenannten „Corona Task Force“ , wurde von vielen als sehr positiv empfunden. Nun gab es regelmäßigen Austausch mit der Unternehmensführung. Der ist zwar auch im Alltagsgeschäft gegeben und rechtlich verankert, kann aber im Stress auch schon mal seltener stattfinden. Gerade wenn üblicherweise keine Probleme auftreten, kommt es zu einem paradoxen Effekt – läuft alles glatt und kommt es zu keinen betrieblichen Unfällen und Vorkommnissen, haben die Sicherheitsfachkräfte im Vorfeld gute Arbeit geleistet. Und werden kaum wahrgenommen.

In turbulenten Zeiten wie der Corona-Krise wissen plötzlich alle, wer die Sicherheitsfachkraft im Unternehmen ist. Ob diese neue Sichtbarkeit nachhaltig ist und so bestehen bleibt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht sagen.

Corona hat den Blick verändert

Das Thema psychische Belastungen und Gesundheit ist in vielen Unternehmen viel präsenter geworden. Ist das ein Thema, das sich etablieren und bleiben wird?

Corona hat uns alle in ein Boot geholt. Das Thema psychische Gesundheit spielt jetzt einfach eine größere Rolle. Vielen ist in dieser Zeit deutlich geworden, wie viel die Psyche ausmacht und wie wichtig es ist, in einem guten Umfeld zu sein, mit guter Kommunikation und guter Struktur. Man merkt, dass sich die Wogen langsam glätten und so etwas wie Normalität einkehrt. Dadurch ist jetzt ist wieder mehr Zeit da, sich auch strukturell um das Thema zu kümmern und die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen gezielt anzugehen.

Die Möglichkeit für Homeoffice haben viele während dieser Zeit zu schätzen gelernt. Auch technologische Tools werden mittlerweile selbstverständlich eingesetzt und auf andere Bereiche ausgeweitet, etwa bei digitalen Unterweisungen. Wie sehen die Erfolgsfaktoren für eine gelungene Online-Unterweisung aus?

Bei Online-Unterweisungen gelten die gleichen Kriterien wie bei einer guten Offline-Unterweisung. Wenn ich als Unterweisende selbst einen Sinn darin sehe und mich damit identifizieren kann, kann ich das Thema besser vermitteln. Dann ist eine Unterweisung auch gleichzeitig ein guter Anlass, die eigenen Werte und die des Unternehmens zu kommunizieren. Idealerweise leben Unternehmen eine Kultur, in der Beteiligung, Wertschätzung und Unterstützung dazugehören. Daran kann man anknüpfen. Es geht darum, diese Kultur abzubilden und zu fragen: ‚Wie machst du das?‘ oder ‚Was für einen Lösungsvorschlag hast du?‘. Das muss der Ansatz in jeder Unterweisung sein – ob online oder offline. Das Schöne ist: Im Arbeitsschutzgesetz steht zwar, dass ich mit den Leuten über die Gefahren und Maßnahmen zur Abwendung sprechen muss. Wie ich das mache, ist aber offengelassen. Entsprechend frei kann ich das Format gestalten. Ich würde online aber zum Beispiel trotzdem immer mit interaktiven Möglichkeiten arbeiten, Fragen stellen, die Leute in kleineren Gruppen diskutieren lassen und darauf achten, die Unterweisung nicht allzu lang zu gestalten.

Eine Online-Unterweisung kann also auch interaktiv durchgeführt werden und die Teilnehmenden direkt mit einbeziehen?

Ja, auf jeden Fall. Natürlich werden aber auch viele Unternehmen weiterhin auf vorgefertigte E-Learning-Tools setzen, die eigenständig durchgeführt werden. Bei Themen, die besonders wichtig sind und viel Verständnis und Vermittlungsarbeit benötigen, würde ich es mir als Fachkraft aber nicht nehmen lassen, das mündlich und mit digitaler Unterstützung abzuwickeln. Ich denke, es wird in Zukunft eher in Richtung Blended Learning gehen, bei dem beide Formen genutzt werden.

Auf welche Weise können mehr Menschen für das Thema Arbeitsschutz begeistert werden? Und wie schafft man es, die gewonnene Motivation beizubehalten?

Mit Begeisterung! Ich liebe das Thema Arbeitsschutz und Prävention, weil es großartig ist, nicht erst aktiv zu werden, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Arbeitsschutz kann einen enormen positiven Einfluss auf unser aller Leben haben. In der Prävention schaut man, wie man die Dinge gut gestalten kann. Es geht auch um die Einstellung der Sicherheitsfachkräfte: Bin ich jemand, der anderen lästige Regeln aufzwingen muss? Oder bin ich jemand, der dazu beiträgt, dass alle einen gesunden und guten Arbeitsplatz haben? Hierbei gilt es, einen guten Mittelweg zu finden zwischen gesetzten Regelungen und kreativen Auslegungen. Man kann es auch auf die spielerische Art angehen; wird der Chef ohne Helm erwischt, egal wie kurz die Wege sind, gibt er eine Runde Kaffee aus. So wird stärker aufeinander geachtet und der Arbeitsschutz erfährt mehr Respekt und Wertschätzung.

Das ist ein wunderschönes Schlusswort und ein wunderschönes Fazit für das Interview. Vielen Dank!

Dr. Stefanie Schöler ist seit 15 Jahren als Psychologin, Beraterin, Dozentin und Trainerin tätig. Ihre Schwerpunkte liegen im Arbeits- und Gesundheitsschutz, Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen und guter Zusammenarbeit.

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