Arbeitsschutz, Krisenmanagement

Psychische Belastungen durch die Corona-Krise

Wie Sie Stress, Ängste und Depressionen erkennen, ihnen vorbeugen und betroffenen Mitarbeitern richtig begegnen

10 Minuten

Die Corona-Krise stellt uns alle vor eine ungewohnte Belastungsprobe. Während Infektionen nachgewiesen werden können und körperliche Belastungen meist sichtbar sind, bleiben psychische Faktoren wie eingeschränkte Routinen, fehlende Grenzen zwischen Arbeit und Privatem, erhöhter Leistungsdruck sowie Ängste und Unsicherheiten oft unbemerkt. Selbst Betroffenen fällt es schwer, psychische Belastungen zu erkennen und ihren Ursachen und Folgen entgegenzuwirken. Entsprechend groß ist auch die Hürde, sich Kollegen und Vorgesetzten anzuvertrauen. Verschärft sich der mentale Stress in einer langanhaltenden Ausnahmesituation, kann eine globale Krise schnell zur persönlichen Krise werden. Vor allem Führungskräfte und HSE-Experten sind daher gefordert, vorausschauend psychischen Belastungen vorzubeugen und nicht erst aktiv zu werden, wenn erste Anzeichen bei Beschäftigten sichtbar werden.  

Welche Präventivmaßnahmen sollten Sie also ergreifen? Wie motivieren Sie die Belegschaft, auf sich selbst und andere zu achten, um Belastungen zu erkennen und ihnen vorzubeugen?

 

Corona psychische belastung EO Institut

Nicole Scheibner und Alexander Tirpitz sind Geschäftsführer des EO Instituts und Experten für Arbeitspsychologie, Gesundheitsmanagement und Organisationsentwicklung. Sie erläutern, welche psychischen Belastungen in Krisenzeiten entstehen können, wie Sie sich diesen annehmen und wie Sie durch gezielte, transparente Kommunikation Ängsten und Unsicherheiten zuvorkommen. Die Experten geben außerdem wertvolle Anregungen, wie ein Team eine gewisse Resilienz aufbauen, aus der Krise gestärkt hervorgehen und langfristig besser zusammenarbeiten kann.

Wenn Corona zur psychischen Belastung wird

Welche psychischen Belastungen können durch die Corona-Krise entstehen?

So unvorhersehbar und komplex wie eine Krise können auch psychische Belastungen auftreten. Nicht nur Überlastungen – wie bei erhöhtem Arbeitsaufkommen sowie Zeit- oder Leistungsdruck – können Ursachen sein. Auch Unterforderung durch ein geringeres Arbeitspensum, Kurzarbeit oder eine nicht den Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit, kann der Psyche zusetzen und sich langfristig nachteilig auf die Gesundheit auswirken. Ebenso können soziale Aspekte wie Konflikte oder fehlende zwischenmenschliche Kontakte zu psychischen Symptomen wie Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder mangelnder Konzentration, aber auch zu körperlichen Beeinträchtigungen führen. Oft sitzt uns der mentale Stress buchstäblich im Nacken. In Zeiten der Corona-Krise, in der die Tätigkeit vom regulären Arbeitsplatz vielerorts in die eigenen vier Wände verlagert wird, kommt es durch ungewohnte Isolation oder durch die ständige Anwesenheit von Partnern oder Kindern, oft zu zusätzlichen Belastungen wie Einsamkeit oder Reizüberflutung. Hinzu können zahlreiche Ängste und Unsicherheiten kommen: Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr im Unternehmen? Wann und wie wird sich die Situation wieder entspannen? Kann es noch schlimmer kommen? Auch wirtschaftliche Ängste können je nach Situation im Unternehmen aufkommen: Ist mein Arbeitsplatz sicher? Wie wird sich das Unternehmen in den nächsten Monaten aufstellen?

Psychischen Belastungen vorbeugen

Was sollten Unternehmen tun, um psychischen Belastungen in Krisen vorzubeugen?

Führungs- und HSE-Fachkräfte stehen vor der besonderen Herausforderung, Belastungen frühzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Vor allem wenn das Zusammenarbeiten und Führen auf Distanz sowie der Umgang mit entsprechenden Technologien noch nicht zu den üblichen Routinen gehört, müssen schnell und flexibel neue, unbekannte Wege eingeschlagen werden. Damit einhergehende Unsicherheiten können bei allen Beteiligten schnell zu Misstrauen und Unterstellungen führen. Umso mehr sind Sensibilität, Empathie und Vertrauen gefragt, denn Arbeitnehmer bemühen sich gerade in außergewöhnlichen Situationen nach Kräften, ihre Arbeit vernünftig auszuführen, stoßen dabei aber schnell an Belastungsgrenzen.

Nicole Scheibner und Alexander Tirpitz empfehlen Führungskräften in dieser Situation, aktiv anzusprechen, welche Unsicherheiten und Fragen im Team bestehen. Auch der persönliche Austausch mit den einzelnen Beschäftigten sollte regelmäßig und eng erfolgen. Manager sollten jeden Einzelnen fragen, wie gut sich die Situation für ihn oder sie bewältigen lässt und wo das Unternehmen unterstützen kann. Keinesfalls sollte man warten bis die Beschäftigten selbst mit Problemen kommen. Die klare Empfehlung lautet hier, proaktiv vorzugehen.

Das heißt unter anderem, die Arbeit selbst so entlastend wie möglich zu gestalten und auch virtuell Raum für Pausen, Fragen, die Probleme des Teams und des Einzelnen zu schaffen. „Gerade wenn Sie Ihre Beschäftigten nicht regelmäßig sehen, sollten Sie nicht davon ausgehen, dass jeder sich um sich selbst kümmert. Stellen Sie bewusst Fragen und befähigen Sie Ihre Mitarbeiter auch technisch und organisatorisch möglichst effizient und normal zu arbeiten, indem Sie ihnen die benötigten Arbeitsmittel sowie entsprechende Anweisungen an die Hand geben.", empfehlen die Experten.

 

Eine gute Balance zwischen Erwartung und Machbarkeit

Mitarbeiter sollten Tagesabläufe möglichst nah an der Normalität gestalten und Routinen sowie Abstand zwischen Privatem und Beruflichem bewahren können. Zusätzlich sollten Führungskräfte bestmöglich dafür sorgen, dass die Beschäftigten nicht durch vermehrte Anrufe, E-Mails und Videokonferenzen und die dadurch mangelnde Konzentration überlastet werden. Bestenfalls wird transparent im Team, aber auch gegenüber Partnern und Kunden kommuniziert, wann wer erreichbar ist. So können zum Beispiel Zeiten für konzentriertes Arbeiten und Pausen geblockt werden. Gerade in schwierigen Zeiten, ist es wichtig, die „normale“ Welt bestmöglich (digital) abzubilden und das soziale Miteinander zu stärken.

Durch regelmäßigen Austausch und Abstimmung fühlt sich jeder gehört und gesehen und Missverständnisse kommen gleich zur Sprache. Scheibner und Tirpitz empfehlen Führungskräften, bei den Mitarbeitern um Verständnis zu werben, dass durch die veränderte Arbeitszeitgestaltung – z.B. durch Kinderbetreuung oder Schichtmodelle – nicht jeder permanent erreichbar ist und den Beschäftigten dabei zu helfen, einzuschätzen, wann Schluss ist, um die eigenen Belastungsgrenzen nicht zu überschreiten.

Proaktive Kommunikation während der Corona-Krise

Zukunftsängsten und Unsicherheiten zuvorkommen

Krisen kommen plötzlich, aber ein Ende oder Abflachen ist oft nicht absehbar. Führungskräfte sollten ihren Mitarbeitern daher durch gezielte, proaktive Kommunikation jederzeit das Gefühl geben, dass ihre Ängste und Sorgen gehört und adressiert werden. Die Experten des EO Instituts raten: „Als Leitsatz gilt: auf Sicht fahren! Kommunizieren Sie nur Dinge, die Sie auch wirklich absehen und einschätzen können. Können Sie nur für einen begrenzten Zeitraum planen, treffen Sie auch nur für diesen Zyklus Prognosen und Vereinbarungen. Kommunizieren Sie, welche Maßnahmen für welche Zeit gelten. Ehrliche und realistische Kommunikation ist unerlässlich: Malen Sie nicht den Teufel an die Wand, aber verharmlosen Sie die Situation auch nicht und schüren Sie keine zusätzlichen Ängste."

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Das Interview mit dem EO-Institut wurde im Rahmen des HSE-Management Reports "Mit Weitblick durch Krisen" geführt. Lesen Sie ihn hier und lassen Sie sich von den Best Practices anderer Unternehmen inspirieren! Experten berichten, wie sie Herausforderungen mit einem kühlen Kopf und mithilfe neuer digitaler Lösungswege gemeistert haben. So konnten sie ihr HSE- und Krisenmanagement auch über die Corona-Pandemie hinaus langfristig stärken!

 

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